Zeitpolitik

 

ZeitpolitikDas subjektive Zeitempfinden vieler Menschen ist durch scheinbar allseitigen Zeitdruck geprägt. Ob Familienzeiten, Arbeitszeiten, Zeiten für Ehrenamt oder natürliche Regenerationszeiten – divergierende Anforderungen und Bedürfnisse können immer schwieriger ausbalanciert werden. Mehr noch: Das atemberaubende Tempo des spätmodernen Hamsterrades erscheint als ein nicht hinterfragbares Naturphänomen. Entkommen? Undenkbar, denn in unserer Gesellschaft sind es fast ausschließlich die Individuen, an deren Zuständigkeit die Bewältigung dieser Konfliktlagen überwiesen wird.

Das Forschungsprojekt geht der Frage nach, wie aus dem Faktor "Zeit" eine explizite gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe wird und wie eine auf Temporalität gerichtete Politik gestaltet sein muss, um den aktuellen Entwicklungen adäquat begegnen zu können. Über die implizite Behandlung von Zeitkonflikten hinaus, sind politische Alternativstrategien zu diskutieren, scheint eine Zeitpolitik notwendig.

Hintergrund: Die junge Disziplin Zeitpolitik fordert die bewusste und nachhaltige Zeitgestaltung der Gesellschaft ein. Hier reicht es nicht, die Symptome zu bekämpfen, denn die Symptome bekämpfen heißt, sich mit der eigentlichen Krankheit einzurichten. Institutionen, Behörden, Unternehmen – das sind die Taktgeber unserer Gesellschaft. Zeitpolitik setzt dort an und fordert damit genau jenen gesamtgesellschaftlichen Gestaltungsanspruch ein, der moderner Politik im Zuge zunehmender Systemdifferenzierung verloren gegangen schien. Sie unterstellt, dass ökologische Fragen oder ökonomische Probleme zumeist Zeitprobleme sind, dass Politikverdrossenheit oder demographischer Wandel vor allem zeitliche Ursachen haben. Es sind immer Vorschläge zu einer Transformation von Politik. Wichtig dabei: Es geht nicht darum Zeitmanagement zu betreiben, sondern darum, die Zeitverhältnisse und Zeitrelationen (bspw. zwischen Frauen- und Männern) neu zu denken. Bei einer zeitpolitischen Betrachtung ändern sich oft die Probleme und Zugänge zur Lösung; es geht insgesamt um einen Perspektivenwechsel. Das beinhaltet – wie Bernd Guggenberger fordert – „jetzt und hier einen gesellschaftlichen Diskurs über das ‚menschliche und sozial zumutbare Maß an Veränderung‘ in der Zeit“ zu initiieren. Über den kollektiven Wunschtraum nach gesellschaftlicher Entschleunigung hinaus, muss eine grundlegende Auseinandersetzung über die Verhältnisse zwischen den Zeiten stattfinden. Dies scheint nicht zuletzt deshalb geboten, weil immer mehr lebendige Zeiten auf die abstrakte Zeit reduziert und zur ökonomischen Ressource werden.

Innerhalb des Forschungsprojektes geht es vor allem darum, das Konzept Zeitpolitik begrifflich und kategorial zu schärfen, weil in ihm viel analytisches und handlungsrelevantes Potential vermutet wird. Kann eine Konzeption von Zeitpolitik die Bedingungen spätmoderner Situativität fruchtbar machen? Ist die Verstärkung einer - so verstandenen - sozialen Dimension von Politik theoretisch, methodisch und empirisch geeignet, Fragen der politisch-temporalen Problembewältigung und des legitimen Regierens (analytisch) zu bearbeiten und für die politische Praxis nachhaltig nutzbar? Zur Beantwortung dieser Fragen bedarf es der systematischen Entwicklung einzelner zeitpolitischer Dimensionen und Instrumente. Diese müssen im Hinblick auf die Tendenzen der gesellschaftlichen Zeiten entworfen und den daraus resultierenden legitimatorischen Anforderungen gerecht werden. Doch um Zeitpolitik als innovatives Politikfeld zu verankern, geht es nicht nur darum, Zeitkonflikte zu identifizieren und für Zeit als Leitdimension zu sensibilisieren. Es ist außerdem notwendig, neue Formen und Verfahren des politischen Handelns für die zeitpolitische Gestaltung zu entwerfen und zu erproben. Fragen der Verteilung von Entscheidungskompetenzen und deren Bewertung müssen neben den ökonomischen Aspekten in den Theorierahmen eingegliedert werden. Darüber hinaus wird bei der Diskussion um Gestaltungsmechanismen zu fragen sein, welches Politikverständnis den Konzeptionen von Zeitpolitik und einem vielfach geforderten Zeitwohlstand zugrunde liegen?

 


 

Zeitpolitische Links

 

 

 

 

  • Projektleitung: Nils Weichert
  • Projektdauer: 01.01.2008 - 31.12.2010

 

 


SeitenanfangSeitenanfang

zurückProjektübersicht